Eine Brille für Blondie

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Treibgut von Inge Hufschlag. Foto: Lars Heidrich / WAZ FotoPool

Düsseldorf. Martin Lück, Inhaber von Schumann-Optik an der Heinrich-Heine-Allee, hängt seit zehn Jahren neben seine Brillen auch Kunst ins Schaufenster. Warum Kunst ein guter Werbeträger ist. Ein Besuch in der Ausstellung „TreibGut“.

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Inge Hufschlag. Foto: Lars Heidrich / WAZ FotoPool


Brillen und Kontaktlinsenflüssigkeit - und darüber ein friedlicher Krieger. Seine Machete, einen rostigen Mutternschlüssel, hat er weggestellt. Schließlich ist seine Nachbarin eine Blondine namens „Blondie“ - die im früheren Leben eine Türglocke war. Wer in die Schumann-Optik an der Heine-Allee kommt und an den Wänden Kästchen mit Wesen entdeckt, sollte genau hinsehen. Inhaber Martin Lück setzt seit 1999 auf Kunst im Geschäft. Weil sie gut für die Seele ist, die Wahrnehmung schärft und den Blick fürs Detail. Ein pfiffiges Marketingkonzept.
Seit vielen Jahren gibt Lück der Kunst in seinen beiden Filialen Raum. Ein Alleinstellungsmerkmal, sagen Betriebswirte. Waren es anfangs Akademiestudenten, die das Angebot nutzten, wurde die Idee längst zum Selbstläufer. Heute zeigt Lück zehn Ausstellungen pro Jahr - inzwischen sprechen ihn die Künstler an. „Eine Hand wäscht die andere“, so Lück. Kreative erhalten die Möglichkeit, Arbeiten zu zeigen - der Geschäftsmann präsentiert Kunden ein ansprechendes Ambiente, das gut zum Thema Optik passt. „Wir wollten etwas haben, was das Sehen auf andere Art ins Hinterstübchen bringt“, philosophiert Lück. Und, druckreif: „Besser sehen durch Schönes.“

Lena mit offenem Mund und Drahthaaren
Zurzeit ist die Journalistin Inge Hufschlag mit jeder Menge Schönem zu Gast. 50 Werke zeigt sie, bei denen sie sich einmal nicht als Nachrichten-Sammlerin erweist. Diesmal ist es echtes Treibgut, das sie unter dem Titel „TreibGut“ zu Mini-Plastiken adelt. Die weißen Kunstkästen sind in den letzten fünf Jahren entstanden - Quelle war meist der Strand der Insel Lanzarote. Hier entdeckte Hufschlag alte Verpackungen und ausrangiertes Schuhwerk, Eisenschrott und Holzteile, Dinge, die Menschen wegwarfen und die das Meer zurück ins Bewusstsein spülte. „Perfektes Recycling“, findet Hufschlag. „Die Natur ist der kreativste Künstler.“ Zuhause breitet sie ihr Fundgut aus - und schaut.
Dann entdeckt sie etwa Grand-Prix-Hoffnung Lena Meyer-Landrut: ein Steinchen als offener Mund, ein Stück Draht formt sich zu Lenas Haar. Andere Arbeiten sind Natur pur: Ein zerklüfteter, ausgewaschener Stein steht für sich allein („Blue Moon“). Die plattgefahrene Getränkedose dagegen wird zum Mops, der verrostete Schlüssel zur Schlüsselblume hinter Glas. Und einer edlen alten Puderdose aus Blech ermöglicht Hufschlag ein Comeback. Die hat sie an einem thailändischen Strand bei Khao Lak entdeckt.

Ästhetisch muss es sein
Eine Kundin kommt herein. Martin Lück hat zu tun. Er hat inzwischen jede Menge Kunsterfahrung. Ästhetisch muss es sein, gern etwas sperrig. Vor einigen Jahren war Christoph-Emmanuel Bouchet da. Er malte nach den Anschlägen 9/11 ein Gemälde für das Schaufenster, „er musste das verarbeiten.“ Für Plastiken aus Ton schloss Lück kürzlich sogar eine Versicherung ab. Weil mancher Kunde erstens (noch) ohne Sehhilfe und zweitens in Eile ist. Rechts neben der Kasse zwinkert „Blondie“, die Klingel-Blondine, verschwörerisch mit dem Äuglein. Wird echt Zeit für eine neue Brille.

Petra Kuiper

Quelle: www.derwesten.de


Schrott. Schlacke. Schönheit.

Von Inge Hufschlag

Der menschliche Vulkan César Manrique ist auch Jahre nach seinem Tod nicht erloschen. Er beeinflusst nach wie vor die Bewohner der Insel und ihre Besucher. Vielleicht auch deshalb lockt Lanzarote vor allem Künstler an – und die Kreativität von Menschen, die sich eigentlich nur vom Business erholen wollen.
Gleich ein Dutzend Mal ist César Manrique zu sehen – in der Galerie „Arte de Obra“ im Bergdorf Haria auf der Vulkaninsel Lanzarote auf lebensgroßen Fotos. Titel: „12 Jahre ohne César, 12 Vorschläge“. Daran arbeiten in Workshops Studenten aus aller Welt und sorgen so mit dafür, dass der menschliche Vulkan César Manrique auch Jahre nach seinem Tod nicht erlischt. Er beeinflusst nach wie vor die Insulaner und ihre Besucher. Vor allem Künstler.

Nicht alle (Gott sei Dank, sagen viele). Denn einladend ist sie nicht, diese schwarze Insel. Lanzarote spaltet Touristenströme mit den scharfen Spitzen und Kanten der erstarrten Lava, die das Eiland im Ozean weitgehend unzugänglich und glücklicherweise größtenteils unbebaubar macht: Da sind die, die einmal und nie wieder kommen, und die, die immer wieder auf die Insel fliegen. Selten ist es Liebe auf den ersten Blick. Doch wenn sie entflammt ist, die Liebe, dann bricht sie immer wieder aus – wie einer der mehr als 50 Vulkane auf der Insel.

Die brachen in den Jahren zwischen 1730 und 1736 praktisch pausenlos aus und verwüsteten als unbarmherzige Landschaftsgestalter Dörfer und Felder. Aus der so entstandenen Mondlandschaft ragen heute in flammenden Farben die Feuerberge. Hier spürt man die Energie der Insel – Statik und Dynamik zugleich – am deutlichsten. Denn die Vulkane sind nur oberflächlich erkaltet. In ihrem Inneren brodelt es weiter – sie inspirieren so auch ein künstlerisches Klima, in dem immer wieder neue Kreativität ausbricht. Dafür sorgte lange Jahre César Manrique. Ihm verdankt Lanzarote, dass dort, wo die Lava Luft gelassen hatte, lange Zeit nicht alles gnadenlos zubetoniert wurde. Der kleine, kompakte Mann beharrte auf seinem Baustil: quadratisch, praktisch, weiß – mit blauen Fensterrahmen am Meer und grünen im Inselinneren. Er verteufelte Hochgeschossiges.
Der einzige Hochbau, das Grand-Hotel in der Inselhauptstadt Arrecife, war jahrelang eine Ruine, inzwischen ist sie wiederbelebt als Hotel.

Manrique gelang eine kunstvolle Kapitulation vor den Urkräften der Natur, weil er sie mit einbezog in die Gestaltung der Vulkanlandschaft, und zwar so geschickt, dass die meisten seiner Bauwerke erst im letzten Augenblick erkennbar werden.

Quelle: www.handelsblatt.com



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Auf Lanzarote ist selbst im Herbst Frühling

Auf Lanzarote gibt es keine Jahreszeiten, nur Wetter, sagen die Einheimischen. Und das ist in diesen Wochen sehr viel angenehmer als in Deutschland.

Von Inge Hufschlag


Maria sitzt am Montagmorgen mit roten Augen an ihrem Schreibtisch im Krankenkassenbüro von Lanzarotes Inselhauptstadt Arrecife. Sie sagt, sie könne nicht mehr, und meint nicht die Arbeit, sondern das Feiern. Typisch. Seit drei Monaten – Juni, Juli, August – jedes Wochenende ein anderes Fest in einem anderen Dorf: "Du musst kommen, die anderen kommen auch." Und bleiben, meist bis 3 oder 4 Uhr morgens. Das ist der Sommer auf Lanzarote.
Doch jetzt ist Herbst, ab September wird es ruhiger auf der Insel, zumindest für die Einheimischen. Bis etwa Weihnachten, danach ist der Tag der Heiligen Drei Könige und bald schon Karneval, der hier vier Wochen lang an unterschiedlichen Orten gefeiert wird. Na, und dann ist ja auch schon bald wieder Juni, und die Fiesta-Saison geht von vorne los.
Und wie ist es im Herbst so auf den Kanaren? "Welcher Herbst? Bei uns gibt es keinen Herbst, nur Wetter", sagt Bettina Bork lachend, die im malerischen Haría, dem "Tal der tausend Palmen" nur wenige Kilometer vom Atlantik entfernt, ein Zentrum für Architektur und Kultur betreibt. "Arte de Obra" heißt es, hier kann man auch wohnen.


Von den vier Jahreszeiten spricht auf den Kanarenniemand, weil es sie nicht gibt, allenfalls eine zweite Jahreszeit von Dezember bis Februar – eigentlich aber gelten die Inseln vor der Küste Marokkos von jeher als "Inseln des ewigen Frühlings". Der wird im Sommer schon mal für einige Tage vom Wüstenwind Kalima angeheizt, und, ehrlich, im Winter kann es manchmal klamm werden, das drückt dann auf die gefühlte Temperatur. Der begegnen die Einheimischen allerdings stoisch kurzärmelig, während der aus dem zentralgeheizten Zentraleuropa eingeflogene Tourist sich pausenlos ein- und auspellt. "Quitypon" lästern die Insulaner, was so viel heißt wie "drauf und wieder runter".
Da ist der Herbst entspannter. Er gilt auf Lanzarote als Hauptsaison der Individualreisenden. Kalendarisch beginnt er mit der großen "Fiesta de los Dolores" am 15. September in Mancha Blanca. Seit die Señora de los Volcanes bei den Vulkanausbrüchen 1736 das Dorf angeblich mit bloßen Händen vor der herannahenden Lava geschützt hat, wird die Prozession ihr zu Ehren nicht selten von den ersten Regentropfen nach einem trockenen Inselsommer begleitet. Der Himmel weint – manchmal auch am Todestag des kaum weniger verehrten Inselkünstlers César Manrique am 25. September. Da versammeln sich die Insulaner an seinem Grab mit dem riesigen phallischen Kaktus auf dem Friedhof von Haría und legen Blumen nieder. Und einer murmelt das Sprichwort: "Den Guten regnet es aufs Grab, den Schlechten bei der Hochzeit."
Manrique war Künstler und Architekt, Bildhauer und Umweltschützer, er hat das Bild der Vulkaninsel maßgeblich geprägt, wollte er sie doch in einen der schönsten Plätze der Welt verwandeln. Er setzte sich für die traditionelle Bauweise Lanzarotes ein und wollte auf Gebäude mit mehr als zwei Etagen generell verzichten, außerdem wollte er Werbeplakate verbieten. Eines seiner berühmtesten Bauwerke ist der Mirador del Río, ein Aussichtspunkt im Norden der Insel, der kaum als Gebäude zu erkennen ist, weil er auf einer 479 Meter hohen Klippe liegt. Das dortige Restaurant mit riesiger Panoramascheibe und Wänden ganz ohne rechte Winkel ist raffiniert in einen Lavafelsen integriert.
Im Herbst ist es auf Lanzarote meist staubtrocken. Der Wein in den in mühseliger Handarbeit angelegten schwarzen Lavatrichtern von La Geria ist gelesen, die Feigen sind von den knorrigen Zweigen der niedrigen Büsche gepflückt. Die Bauern blinzeln in diesen Wochen hinter ihrem Pflug hervor, der von einem Maultier oder manchmal sogar von einem Kamel durch den trockenen Boden gezogen wird, und blicken in den azurblauen Himmel, den sie nach Passatwolken aus dem Süden absuchen.

Lanzarote – eine Insel als Gesamtkunstwerk

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Foto: Inge Hufschlag


Regen ist ein Segen

Denn die verheißen Regen, und der ist für die trockene Insel – anders als für die Pauschaltouristen – ein Segen. Wenn es also mal schüttet auf Lanzarote, sollte man sich für die Bauern freuen und kann anschließend zum Trost die schönsten Regenbögen bewundern. Unter ihnen herzugehen soll Glück bringen, sagt man auf Lanzarote. Obwohl es inzwischen Sammelbecken und Meerwasseraufbereitungsanlagen gibt, geht der Lanzaroteño weiterhin sparsam mit dem kostbaren Nass um. Niemand würde Wasserreste in den Abfluss schütten, man gießt jeden Tropfen nach draußen in die dürstende Natur.
Glücksgefühle erlebt man im Herbst, unabhängig von Regenbögen, vor allem im Inselnorden, weil es dort so wunderbar ruhig ist. Sogar das rote Windspiel von César Manrique am Ortseingang des Fischerdörfchens Arrieta hält still. Die Tage sind schön warm, dazu eine leichte Brise vom Atlantik, der von der Sommersonne noch angenehm temperiert ist. Am Abend wird es vielleicht ein wenig frisch, gerade richtig für eine gemischte Platte mit Meeresfrüchten im "El Almacén", dem beliebten Fischlokal im Dörfchen Arrieta mit einer Terrasse gleich über dem Meer. Doch Achtung: Hier speist man nicht spanisch spät, sondern gleich nach dem Strandtag so ab 17.30 Uhr, um 20.30 Uhr schließt das Lokal bereits. Für diese Zeitverschiebung haben mit den Jahren die vielen Leihwagenfahrer gesorgt, die abends wieder in ihre Hotels und Apartments in den drei touristischen Hochburgen Puerto del Carmen, Costa Teguise und Playa Blanca zurückkehren.
Lanzarote-Kenner – entweder kommt man einmal und nie wieder oder immer wieder auf dieses schwarze Eiland – wohnen dann oft lieber gleich in den kleinen Dörfern, wo Einheimische, Zugewanderte und Hängengebliebene schmucke Apartments und einfache, gemütliche Unterkünfte vermieten. Einfach in den Fischrestaurants oder im Supermarkt fragen.

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